Positionierung der ÖGLA | Österreichische Gesellschaft für Landschaftsarchitektur
Wien, 04.11.2021

Bedeutung von Bäumen in der Stadt
Die positiven Wirkungen von Bäumen in Städten sind vielfältig: Sie spenden Schatten, filtern die Luft, unterstützen die Artenvielfalt und dienen der Erholung und Gesundheit von Städterinnen und Städtern. Außerdem kommen sie als „nature-based solutions“ im Kampf gegen den Klimawandel zum Einsatz. Sie binden und verarbeiten CO2 und kühlen ihre Umgebung in immer heißer werdenden Städten. Diese wichtigen Klimafunktionen und Ökosystemleistungen haben in den jüngsten Jahren zu einem Umdenken geführt: Gehölze werden zunehmend zu einem integralen Bestandteil der Stadtstrukturen – in Parks, auf Plätzen und in Straßenräumen, ja sogar auf Dächern und Fassaden leisten Bäume heute einen wichtigen Beitrag zur Stadtökologie und spenden Lebensqualität.

Neupflanzungen und Bestandsschutz
Unbedachte und vermeidbare Rodungen oder das systematisierte Kaputtschneiden von Bäumen, das zum Teil an überzogenem Risikomanagement und unsachgemäßem Umgang liegt, sind nach wie vor viel zu häufig gängige Praxis in Städten. Österreichische Landschaftsarchitekt*innen arbeiten tagtäglich daran, Bäume in unterschiedlichste Baumaßnahmen zu integrieren und diese entsprechend zukunftsfähig zu planen und zu erhalten, um sie für künftige Generationen zu bewahren. Doch neben den dringend erforderlichen Neupflanzungen, ist insbesondere die Erhaltung ausgewachsener und somit voll klimawirksamer Großgehölze von größter Bedeutung. Diese Aufgabe bedarf aktuell auf Grund des voranschreitenden Klimawandels besonderer Aufmerksamkeit. Die ÖGLA | Österreichische Gesellschaft für Landschaftsarchitektur unterstützt aus diesen Gründen die Österreichische Baumkonvention in ihrem Anliegen für einen sensibleren und differenzierteren Umgang mit Bestandsbäumen und Wäldern. Insbesondere gilt es Bewusstsein für die Bedeutung von Gehölzen in der Stadt zu schaffen und ihren vielfältigen Wert aufzuzeigen.

„Ein differenzierter, zukunftsfähiger Umgang mit Sicherheit, Risiko und Haftung rund um den Baum verbindet die dauerhafte Sicherstellung der Umwelt- und Wohlfahrtswirkung von Bäumen und Wäldern mit angemessenen Rahmenbedingungen für die Pflege und Bewirtschaftung.“ (Österreichische Baumkonvention)

Stellungnahme zu den geplanten Baumfällungen im Wiener Augarten
Wie aus den Medien zu entnehmen war, werden von Seiten der Österreichischen Bundesgärten im Wiener Augarten Baumrodungen in größerem Ausmaß angedacht. Als Grund führen Medien die Wiederherstellung eines bestimmten denkmalpflegerischen Zustandes im Bereich des „Sechseckplatzes“ und die Errichtung einer Event-Zone an.

Die ÖGLA weist darauf hin, dass bei den geplanten Vorhaben der Österreichischen Bundesgärten ein Konflikt zwischen zwei Schutzgütern entsteht: Der Schutz der historischen Parkanlage (Gartendenkmalpflege) sowie der Schutz des Altbaumbestandes (Baumschutz). Diese beiden Schutzgüter sind aus fachlicher Sicht gleichwertig zu behandeln, wodurch es zu einem Schutzgüterkonflikt kommt. Zur Lösung des Konfliktes bedarf es daher einer gewissenhaften Abwägung der Interessen, der eine eingehende und transparent geführte Fach-Diskussion vorangehen muss. Keinesfalls sollten hingegen Beweggründe zur wirtschaftlichen Nutzbarmachung zur Fällung von wertvollen Altbaumbeständen in historischen Anlagen führen.

 „Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen aufmerksam und mit großer Besorgnis“, so ÖGLA Präsident Thomas Knoll. „Beide hoch bedeutsamen Schutzgüter – Baumschutz und Gartendenkmalpflege – sind in der fachlichen Analyse gleichwertig zu betrachten. Bei Planungen im öffentlichen Raum kommt es des Öfteren zu Schutzgüterkonflikten, ausschlaggebend ist, wie damit umgegangen wird. Als Fachzuständige Expert*innen empfehlen wir zur Klärung größte Transparenz und Offenheit. Bei dem geplanten Vorhaben im Augarten fehlen bisher die nachvollziehbaren Unterlagen und Beteiligungsformate von Seiten der Österreichischen Bundesgärten“.

Auch hinsichtlich der geplanten Event-Zone fehlt jeglicher Einblick in zu Grunde liegende Strategien für wirtschaftliche Nutzungen der Anlagen der Bundesgärten. „Eine öffentliche Parkanlage auf Kosten ihres ökologischen Werts unter dem Vorwand des Denkmalschutzes wirtschaftlich verwertbar zu machen ist in Zeiten von Klimawandel und Artensterben nicht nur widersinnig, sondern auch wirtschaftlich zu kurz gedacht“, kritisiert ÖGLA Geschäftsführerin Stephanie Drlik. „Ob und in wie fern hier die Rekonstruierung eines historischen Zustandes vorrangig zu tragen kommt, gilt es jedenfalls vor den geplanten Baumfällungen eingehend fachlich zu prüfen. Für die Ermittlung des historischen Leitzustand und die Evaluierung der geplanten Vorhaben sind unabhängige Expert*innen einzusetzen. Die Herstellung einer Event-Zone zur verstärkten wirtschaftlichen Nutzung des historischen Parks darf jedenfalls nicht der Grund für die Fällung von alten Bestandsbäumen sein“, so Drlik.

Forderungen Augarten
Die im Bereich des Sechseckplatzes viele Jahrzehnte gewachsene Allee ist von hohem ökologischem und gestalterischem Wert. Auch die Verbundenheit der Anrainer*innen und Parkbesucher*innen mit den alten Bäumen ist groß und zu berücksichtigen. Die ÖGLA ersucht die Verantwortlichen der Österreichischen Bundesgärten und der Burghauptmannschaft daher um:
– Transparenz bei den vorgesehenen Planungen
– Information und Einbindung der (Fach-)Öffentlichkeit
– Entwicklung eines offenen und nachvollziehbaren Fachdialoges
– eine neutrale Bewertung durch unabhängige Fachgutachter*innen.

Gartendenkmalpflege in Österreich
Seit vielen Jahren weist die ÖGLA darauf hin, dass die Gartendenkmalpflege in Österreich auf Bundesebene in den zuständigen Institutionen fachlich nicht ausreichend ausgestattet ist. Hier kommt sowohl die Auflösung der Abteilung für historische Gärten im Bundesdenkmalamt und der Verlust einer entsprechend fachkompetenten, weisungsunabhängigen Leitung dieser Abteilung zu tragen, als auch die Umstrukturierung und fehlende akademische Fachkompetenz für Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege in der Leitung der Bundesgärten. Die ÖGLA hat mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser Missstand zu negativen Auswirkungen in den historischen Parkanlagen führen kann. Dass nun die Ziele der Gartendenkmalpflege bei dem Vorhaben im Augarten offensichtlich missverstanden und als Argument für Baumfällungen herangezogen werden, überrascht daher nicht. Zeitgemäße Gartendenkmalpflege strebt nicht unweigerlich die Rekonstruktion eines ursprünglicheren oder möglicherweisen originalen Zustandes an. Vielmehr gilt es den historischen Bestand zu schützen, zu bewahren und dabei zeitgemäß zu interpretiere und heutige Anforderungen einzubinden. Dafür gibt es eine Vielzahl an planerischen und gestalterischen Möglichkeiten, die mit größter Wahrscheinlichkeit auch ohne Rodungen wertvoller Bestandsbäume auskommen.

Erweiterungspläne des Tiergartens Schönbrunn inklusive Baumfällungen im Parkareal
Ebenso kritisch sieht die ÖGLA das 2020 bekannt gewordene Vorhaben zur Erweiterung des Schönbrunner Tiergartens im Bereich des Schlossparks Schönbrunn, der ebenfalls im Verantwortungsbereich der Österreichischen Bundesgärten liegt. Für die Planungen eines neuen Elefantengeheges auf dem Areal des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) müssten einschneidende Umbauarbeiten und Baumfällungen des Altbaumbestandes durchgeführt werden. Die Eingriffe würden den Schutzstatus Denkmalschutz, Baumschutz, Landschaftsschutz und Biotopschutz gefährden. Auch hier fehlt eine entsprechende Transparenz der Planungen zur fachlichen Erfassung und Bewertung des Vorhabens.


Die ÖGLA ist offizielle Unterstützerin der Österreichischen Baumkonvention:

(c) Titelbild: Google Maps 2021