Im April 2019 wurde den Hinterbliebenen einer „Kuhattacke“ in den Tiroler Alpen Schadenersatz zugesprochen, weil eine Frau, die mit ihrem Hund unterwegs war 2014 tödlich von weidenden Rindern verletzt wurde. Printmedien von Kurier bis Falter und Spiegel berichteten. Das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus gab daraufhin 10 Regeln heraus, wie man sich auf Almen verhalten soll. Der bekannte Alpenforscher Werner Bätzing plädiert indes für unzeitgemäße Lösungen, sollen die Alpen als Orte „guten Lebens“ erhalten bleiben. Das Gespräch führte zoll+ Redakteurin Elisabeth Sanglhuber für die Heftausgabe 35/2019 mit dem Themenschwerpunkt „offen“.

 

 

Zoll+: Sie beschäftigen sich seit über 40 Jahren mit den Problemen und Veränderungen im Alpenraum. Almen erlangen derzeit mediale Aufmerksamkeit als Orte, wo sich UrlauberInnen im Sommer vor Rindern fürchten müssen und wo Bäuerinnen und Bauern mit Zahlungen konfrontiert werden, wenn BesucherInnen zu Schaden kommen. Wie sehen sie die Diskussion?

WB: Für mich ist der wichtigste Aspekt, dass sehr viele Menschen heute im Zeitalter von Verstädterung und Internet überhaupt keinen Bezug mehr zur Natur haben und deshalb mögliche Gefahren kaum noch wahrnehmen. Sie betrachten Natur als etwas, was ihnen in der Freizeit zur Erholung oder zum Erlebnis problemlos zur Verfügung steht. Damit übertragen sie unbewusst ihr Verhalten als KonsumentInnen in der Warenwelt (Kauf einer Ware = problemlose Bedürfnisbefriedigung) auf die Natur – und das muss schiefgehen.

 

Zoll+: Wie hat sich die Freizeitnutzung in den Alpen in den letzten 70 Jahren verändert?

WB: Hier gibt es zwei sehr gravierende Veränderungen: Erstens standen für die Besucher vor 70 Jahren die Alpen selbst im Zentrum, sei es bei Spaziergängen und kleineren Wanderungen im Tal oder bei Hochtouren von Hütte zu Hütte, auf denen man die Natur- und Kulturlandschaften der Alpen auf eine kontemplative Weise bewunderte, sei es beim Klettern, wo man sich in Ehrfurcht mit dem Berg auseinandersetzte, um ihn zu „bezwingen“. Heute dagegen sind die Alpen fast nur noch Kulisse, und die eigenen Körpererfahrungen stehen beim Abfahrtsski, beim Mountain-Biking, auf Hängebrücken oder Aussichtsplattformen im Zentrum. Zweitens gab es vor 70 Jahren noch keine Massenmotorisierung, so dass der Weg in die Berge lang und mühsam war. Heute dagegen sind die Wege kurz, außer es gibt einen Verkehrsstaus, und die Besucherzahlen sehr hoch.

 

Zoll+: Wie hat sich die Almbewirtschaftung in den letzten 70 Jahren verändert?

WB: Wenn man davon absieht, dass es in den 1970er Jahren die Almnutzung stark zurückging, so dass es aussah, als würde die Almwirtschaft bald an ihr Ende kommen, was glücklicherweise dann doch nicht eintraf dann hat sich grundsätzlich gar nicht so viel geändert. Aber: Die schleichenden Prozesse, die seit Jahrzehnten ablaufen (Konzentration auf die gut nutzbaren und einfach zu erreichenden Almflächen, Auflassen der schlechter nutzbaren und abgelegenen Almflächen, Einstellung der zahlreichen Pflegearbeiten), verändern die Almwirtschaft auf Dauer doch sehr stark. Dazu gehört auch die Einführung neuer Weideformen auf den Almen wie die Mutterkuhhaltung oder die Haltung alter Rinderrassen. Diese Formen sind zwar noch nicht sehr zahlreich, aber da diese Tiere andere Verhaltensweisen haben als traditionelle Rinder, gibt es hier deutlich mehr Probleme mit TouristInnen.

 

Zoll+: Neben einer touristischen und einer Naturschutzsperspektive beschreiben sie die Ressourcennutzung als weitere, zeitgemäße Antwort zur Lösung der Probleme für den Alpenraum. Warum ist keine der genannten Perspektiven wirklich zukunftsfähig?

WB: Die Faszination der Alpen besteht gerade darin, dass sie ein lebendiger und dezentraler Lebens- und Wirtschaftsraum sind. Wären die Alpen nur ein Tourismus- und Freizeitraum, dann wären die Alpen lediglich ein steriler städtischer Vergnügungspark. Und die Alpen als reiner Naturraum ohne den Menschen wären nur ein dunkles Waldgebirge, dem der attraktive kleinräumige Gegensatz zwischen offenen Kulturlandschaften, Wäldern, Felsen und Gletschern fehlen würde und in dem der Mensch fremd wäre.

 

Zoll+: Sie plädieren dafür, dass das Land weder verstädtert noch als Ergänzungsraum der Stadt auf die Funktionen Naturschutz und Erholung reduziert wird. Hätten sie sich konkretere Maßnahmen zum Schutz der Berglandwirtschaft im konkreten Anlassfall gewünscht?

WB: Ja, auf jeden Fall. Selbst wenn die Entschädigungssumme zwischen Hinterbliebenen und Almbauern geteilt wird, bedeutet dies immer noch den ökonomischen Ruin des Almbauern. Hier sind sowohl neue Regeln, die die bisherige Form der Almwirtschaft nicht gefährden, als auch neue Versicherungen erforderlich, die im Schadensfall nicht einen einzelnen Bauern treffen, sondern aus einem Fonds bezahlt werden, in den Landwirtschaft, Tourismus und Politik einzahlen.

Dieser Fall ist übrigens nur die Spitze des Eisbergs: Inzwischen klagen Mountainbiker gegen die zuständige Gemeinde, wenn sie durch ein Loch in einer Forststraße oder durch eine Absperrung zu Fall kommen; sie setzen damit perfekte städtische Infrastrukturen im Hochgebirge voraus und wollen damit aus den Alpen einen großen Vergnügungspark machen, in dem jede Gefahr ausgeschlossen ist.

 

Zoll+: Wie wichtig ist eine offene –im Sinne von offen zugängliche– Kulturlandschaft für den ländlichen Raum?

WB: Eine offene und vielfältige Kulturlandschaft ist für mich das Symbol für ein gelingendes Miteinander von Natur und Mensch, denn in den traditionellen Kulturlandschaften hat der Mensch die Natur verändert, ohne sie zu zerstören. Heute wird meist Naturnutzung und Naturzerstörung gleichgesetzt, was aber nur für das moderne, nicht für das traditionelle Wirtschaften gilt. In einer Kulturlandschaft dagegen, die zuwächst und verwildert, hat der Mensch keinen Platz mehr (nicht einmal als Besucher: Es ist unendlich mühsam, dort vorwärts zu kommen), so dass ihm nur noch ein städtisches, also naturfernes Leben übrigbleibt. Naturschützer, die glauben, dass der Mensch die Natur entlastet, wenn er möglichst alle seine Aktivitäten in die Stadt und die virtuelle Welt verlegt, verkennen die Natur des Menschen: Der Mensch hat nicht nur einen Körper, sondern er ist ein körperliches Wesen, das auf Natur angewiesen ist.

 

Zoll+: Ist es nicht gerade deshalb wichtig, dass Personen, die nicht im ländlichen Raum wohnen weiterhin frei in der Landschaft unterwegs sein können oder sich sogar vermehrt in die nachhaltige Nutzung des ländlichen Raumes einmischen sollten?

WB: Es ist wichtig, dass Städter wieder einen engeren Bezug zum Land aufbauen. Dafür sehe ich drei Ansatzpunkte, nämlich Ernährung, Freizeit und Urlaub. Wenn Städter sich bewusst ernähren und fragen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie produziert werden, dann erwächst daraus eine Beziehung zur Landwirtschaft und zum Land, die sie in ihrer Freizeit persönlich vertiefen können: Der Besuch von Bauern und Kulturlandschaften am Wochenende ist m.E. bereichernder als der Besuch von Fitnessstudios, Kletterhallen oder virtuellen Welten. Und im Urlaub kann man für einige Zeit sehr intensiv in die ländliche Welt eintauchen – diese Erlebnisse sind intensiver als der Besuch von anderen Städten oder von Tourismus-Ghettos am Strand oder im Gebirge.

 

Zoll+: Ihr neues Buch beschäftigt sich mit dem Begriff des Landlebens. Der ländliche Raum wird mit Indikatoren wie Arbeitsplätzen, Bevölkerungszahl und Wirtschaftswachstum definiert, was ihn gegenüber der Stadt, nicht zuletzt auch von Planungsdisziplinen als Problemort definiert. Sie schlagen eine andere Herangehensweise vor…

WB: Der Titel meines neuen Buches lautet „Das Landleben – Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ (C.H. Beck-Verlag, München, Februar 2020, ca. 340 Seiten). Darin stelle ich dar, dass ländliche und städtische Lebensformen zwar ziemlich unterschiedlich, aber letztlich gleichwertig sind, und dass es das Landleben dringend braucht, damit das hochspezialisierte großstädtische, besser metropolitane Leben nicht seine Bodenhaftung verliert und in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft selbstzerstörerische Entwicklungen in Gang setzt. Deshalb muss dass Landleben unbedingt wieder aufgewertet werden, u.zw. nicht als kleinere oder schlechtere Form des städtischen Lebens, sondern als eine andere, eigenständige Lebensform, bei der dezentrale Strukturen mit geringeren Spezialisierungen, engeren sozialen Verflechtungen und eine größere Naturnähe als in der Stadt im Zentrum stehen und eine spezifische Lebensqualität ausmachen. Während die Aufwertung des Landlebens jahrzehntelang kein Thema war, entstehen ab 2005 auf einmal zahlreiche „Land“-Zeitschriften, die das Landleben meist als Idyll darstellen (m.E. nur auf dem Hintergrund der Globalisierung zu verstehen), und ab 2017 erhält dieses Thema in der deutschen Politik eine neue Relevanz, weil Rechtspopulisten in ländlichen Räumen große Wahlerfolge haben; allerdings sind die politischen Reaktionen darauf ausgesprochen blass. Mit meinem neuen Buch möchte ich neue Perspektiven in diese Diskussionen einbringen

 

Zoll+: Was wünschen sie sich für die Zukunft der Alpen und den ländlichen Raum?

WB: Ich wünsche mir den Erhalt der Vielfalt. Vielfalt besteht nicht darin, zwischen möglichst vielfältigen Produkten auf dem Markt und im Internet wählen zu können, meist sind es sowieso lediglich wenige Basis-Standardmodelle, die im Baukastenprinzip nur vielfach variiert und „individualisiert“ werden, sondern vielfältige Landschaften und Lebensräume sind deshalb so faszinierend, weil in ihnen die unterschiedlichsten Naturphänomene, die jeweils besondere Geschichte der Menschen mit dieser Natur und die spezifischen Traditionen und Kulturen auf eine sehr anschauliche Weise sichtbar werden. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen diese Vielfalt, die nicht technisch herstellbar ist, sondern die wachsen muss, erleben können und dass sie dadurch bereichert werden, denn gekaufte Erlebnisse werden schnell schal und haben nichts bleibendes.

 

10 Verhaltensregeln für den Umgang mit Weidevieh
Quelle: Sichere-almen.at

  • Kontakt zum Weidevieh vermeiden, Tiere nicht füttern, sicheren Abstand halten!
  • Ruhig verhalten, Weidevieh nicht erschrecken!
  • Mutterkühe beschützen ihre Kälber, Begegnung von Mutterkühen und Hunden vermeiden!
  • Hunde immer unter Kontrolle halten und an der kurzen Leine führen. Ist ein Angriff durch ein Weidetier abzusehen: Sofort ableinen!
  • Wanderwege auf Almen und Weiden nicht verlassen!
  • Wenn Weidevieh den Weg versperrt, mit möglichst großem Abstand umgehen!
  • Bei Herannahen von Weidevieh: Ruhig bleiben, nicht den Rücken zukehren, den Tieren ausweichen!
  • Schon bei ersten Anzeichen von Unruhe der Tiere Weidefläche zügig verlassen!
  • Zäune sind zu beachten! Falls es ein Tor gibt, dieses nutzen, danach wieder gut schließen und Weide zügig queren!
  • Begegnen Sie den hier arbeitenden Menschen, der Natur und den Tieren mit Respekt!

 

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Foto: Ein Bauer zeigt die Ausdehnung seiner Almflächen in Altenberg an der Rax © Ingrid Gruber, 2014