Mit dem Begriff der Schwammstadt werden drei Ziele miteinander verknüpft: Starkregenversorge, Hitzevorsorge und Dürrevorsorge. Das Innovative daran ist, dass Regenwasserbewirtschaftung, vitales Grün und gesundes Klima zusammengedacht werden. Wenn Projekte das nicht schaffen, sind sie nicht den Begriff der Schwammstadt Wert. Mit welchen Strategien und Stellschrauben Berlin diesen Anspruch der Schwammstadt einlösen will, wird hier aufgezeigt. Von Carlo Becker

Der Beitrag ist die schriftliche Zusammenfassung des Vortrags von Carlo Becker im Rahmen des internationalen Symposiums „Designing Green and Resilient Cities“ am 10. April 2025 in Wien.

Die Schwammstadt ist mehr als Versickerungsflächen und Notwasserwege für den Starkregen, Bäume mit mehr Raum im Wurzelbereich oder schattige Orte im Freien. Schwammstadt ist ein systemischer Ansatz, der im Sinne der Multicodierung auf einer Fläche die drei Vorsorgeaspekte zusammenführt und somit umfassende Mehrwerte schafft (zu Begriff und Strategie der Schwammstadt vgl. Becker et al., 2023). Doch was sind zukunftsorientierte Ansätze und strategische Stellschrauben für die Schwammstadt im 21. Jahrhundert. Hierzu einige Lösungsansätze, wie Berlin Schwammstadt werden möchte.

Graue Flächen als Potential[1]
Berlin hat über 5000 km Straßen. Das Regenwasser wird noch überwiegend in die Kanalisation abgleitet. Versiegelte Flächen wurden bisher nicht als Potentialfläche genutzt, um Wasser als Ressource für die Bewässerung zu gewinnen. Versiegelte Straßen, Plätze und Stellplatzanlagen Flächen stellen darüber ein erhebliches Potential dar, um aus Grau Grün zu machen. Dazu werden derzeit zahlreiche Projekte in Berlin angeschoben.

In Berlin Prenzlauer Berg wurde von einer AnwohnerInnen-Initiative der Umbau der steinernen Hagenauer Straße[2] als Klimastraße gefordert. Der zuständige Bezirk lies im Sinne einer Planungsphase Null eine Machbarkeitsstudie erarbeiten, die sowohl bei einem Großteil der AnwohnerInnen und vor allem auch bei den Fachbehörden eine große Zustimmung erhielt. In der Planungsphase Null wurde nachgewiesen, dass der radikale Umbau von Bestandstraßen zu Klimastraßen eine machbare Vision ist. Es bedarf jetzt eines Bekenntnisses der Politik, diese Planung zu finanzieren.  

Visualisierung einer neuen Klimastraße in Berlin mit begrünten Flächen, Bäumen und vielen Menschen, die die Straße nutzen.
Abb. 1: Konzept Klimastraße Hagenauer Straße – Planungsphase Null. © bgmr Landschaftsarchitekten

Alte Regelwerke in Frage stellen  
Der Abstand von Leitungen zu Bäumen muss nach den einschlägigen Regelwerken 2,50 m betragen, unter Mulden-Rigolensystem dürfen keine Leitungen liegen, der seitliche Abstand muss mindestens 0,25 m betragen. Damit werden 5-6 m breite leitungsfreie Korridore erforderlich, um Bäume zu pflanzen. In Berliner Bestandstraße gibt es diesen Raum nicht. Daher entstehen sehr hohe Kosten durch Leitungsverlegung oder der Baum und die Versicherungsanlagen sind nicht machbar. Hier setzt ein Umdenken ein. Leitungen, Versickerungsanlagen, Verdunstungsbeete und Bäume sind kombinierbar und müssen sich überlagern. Damit wird eine enormes Flächenpotential erschlossen und Kosten deutlich reduziert. Der Untergrund der Stadt wird so neu verhandelt und verteilt. Regelwerke auf den Prüfstand stellen und Regeln zu enttabuisieren, sind zwingend und helfen der Schwammstadt.

In der Toolbox BlueGreenStreets (Hrsg. 2.0 2024: 200 ff) wurden zahlreiche Hinweise gegeben, welche Regelwerke in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen sind.

Neue Regelwerke für die Schwammstadt
Bäume in Baumrigolen, Verdunstungsbeete zur Wasserspeicherung oder der Untergrund der Stadt als Schwamm sind bisher keine eingeführten Elemente der Schwammstadt. Ohne Regelwerke ist die Umsetzung solcher neuen Elemente mit viel Skepsis und zahlreichen Abstimmungen verbunden. Daher brauchen wir mehr Experimente und Pilotprojekte, die zeigen, wie das geht. 

Das neue Schumacher Quartier auf dem ehemaligen Flughafen Tegel mit über 5000 Wohnungen soll nach dem Prinzip der Schwammstadt entwickelt werden. Das Regenwasser der Gebäude, Straßen und Plätze wird in gedichteten Verdunstungsbecken gesammelt, um Vegetation mit viel Wasser zu versorgen und die Kühlwirkung durch Verdunstung zu optimieren. Verdunstungsbecken sind bisher nicht Stand der Technik. Um Skepsis zu brechen, wurde im Schumacher Quartier eine große Versuchsanlage gebaut, um Erfahrung über Wasserqualität und Mengen, Substrate und Vegetation zu sammeln. Diese Versuchsanlage ist ein wesentlicher Baustein, um Skepsis auszuräumen und um in die Umsetzung zu kommen. Versuchsanlagen, Pilotprojekte und Reallabore sind notwendig, um zu einer neuen Praxis der Schwammstadt zu kommen. In der Folge können neue Regelwerke für Elemente der Schwammstadt abgeleitet werden.

Eine Gruppe von Menschen in Neonwesten steht in einem begrünten Bereich mit Messgeräten im Vordergrund, umgeben von grauen Wänden.
Abb. 2: Foto der Versuchsanlage Verdunstungsbecken in Berlin Tegel. © bgmr

Schwammstadt rechtliche verankern
Neue Bauvorhaben dürfen das Regenwasser in Berlin nicht mehr in die Kanalisation leiten. Eine dezentrale Bewirtschaftung auf den Grundstücken ist der Grundansatz. In dem Hinweisblatt „Begrenzung von Regenwassereinleitungen bei Bauvorhaben in Berlin“ (BReWa-BE) werden diese Vorgaben konkretisiert. In der Berliner Innenstadt mit Mischwasserkanalisation ist der Nullabfluss die Vorgabe. Im weiteren Stadtgebiet im Einzugsgebiet eines Gewässers 2. Ordnung ist in begründeten Ausnahmefall eine maximale Abflussspende von 2 l/(s*ha), im Einzugsgebiet eines Gewässers 1. Ordnung von 10 l/(s*ha) 2 l/sec/ha zulässig. Damit wird die abflusslose Stadt zum Ziel. Einleitbeschränkungen sind ein Motor, um neue Formen der Regenwasserbewirtschaftung im Sinne der Schwammstadt zu initiieren. Berlin handelt hier sehr konsequent.

Grundstücksübergreifende Regenwasserbewirtschaftung und Klimaanpassung
Bisher galt in Berlin und deutschlandweit der Grundsatz, Regenwasserbewirtschaftung muss immer auf dem eigenen Grundstück durchgeführt werden. Aber bei begrenzten Flächen ist dies nicht immer möglich, die Topografie lässt dies nicht zu oder der Grundwasserflurabstand ist zu gering. Hier helfen grundstücksübergreifende Lösungen der Regenwasserbewirtschaftung (kurz GüL). GüL ist rechtlich nicht so einfach umzusetzen. Dazu hat die Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt eine Studie erarbeitet. Diese zeigt bis zu konkreten Musterverträgen auf, welche Lösungen es gibt. Sehr lesenswert, um mit GüL die Schwammstadt voran zu bringen.

Planungsskizze des Schumacher Quartiers in Berlin, das nach dem Prinzip der Schwammstadt entwickelt wurde, mit farblich gekennzeichneten Retentions-, Versickerungs- und blaugürnen Flächen.
Abb. 3: Schumacher Quartier – Leitplan Regen und Hitze. © bgmr

Lobbyarbeit für die Schwammstadt
Berlin hat die Regenwasseragentur[3] gegründet. Sie berät private und vor allem auch die öffentliche Hand, wie die Schwammstadt in Berlin umgesetzt werden kann. Mit der Regenwasseragentur gibt es eine Lobby für die Schwammstadt, die u.a. extrem gut besuchte Fachveranstaltungen organisiert, Fachgutachten zu rechtlichen Regelungen und Prozessen erarbeitet und letztlich zum Kümmerer für die Schwammstadt wird. Eine solche Agentur, die an die Berliner Wasserbetriebe angegliedert ist, wird zum Motor der Schwammstadt.

Die Rahmenbedingungen für Schwammstadtprojekte werden verbessert, Stellschrauben gedreht und im Huckepack der Stadtentwicklung die Schwammstadt umgesetzt. Das ist gut so und macht Hoffnung.

Jedoch: Wenn wir einige gebaute Projekte der Schwammstadt selbstkritisch analysieren, drängen sich allerdings Fragen der Zirkularität auf. Mit den großen Baumquartieren nach dem Stockholmer Modell wird in Größenordnung Boden ausgetauscht, Betonkantensteine gesetzt, Leitungen verlegt und neue Schächte aus Beton gesetzt. Die Energie- und Materialbilanz dieser Maßnahmen ist nicht nur kostentreibend, sondern energetisch im Sinne des Klimaschutzes nicht resilient. Mit nature based Solutions hat das Stadtgrün der Klimaanpassung häufig nicht viel zu tun. Hier bedarf es einer selbstkritischen Reflektion in der Profession, wie Klimaschutz und Klimaanpassung im Sinne zirkulärer Stoffe- und Energieströme umgesetzt werden können. Die Ressourcen sind begrenzt.


Quellen:
Becker et al., 2023: https://gruen-in-der-stadt.de/uploads/files/Kurzexpertise-Schwammlandschaft.pdf (abgerufen am 5.9.2025).
BlueGreenStreets (Hrsg.) 2.0 – 2024: https://repos.hcu-hamburg.de/handle/hcu/1098) (abgerufen am 5.9.2025).
Begrenzung von Regenwassereinleitungen bei Bauvorhaben in Berlin 2021.
https://www.berlin.de/sen/uvk/umwelt/wasser-und-geologie/regenwasser/regenwasserbewirtschaftung/grundstuecksuebergreifend/ (abgerufen am 5.9.2025).

[i] Für den ländlichen Raum in Österreich erschien kürzlich: Zukunftsfähige Mobilitätsräume Handlungsleitfaden für die Blau-Grüne Transformation im peri-urbanen Raum 2024. In dem Leitfaden werden etliche Tipps gegeben, wie Straßenräume auf dem Land klimaangepasst fit gemacht werden können. https://www.bgmr.de/de/news_items/PeriSpongeLeitfaden (abgerufen am 5.9.2025).
[ii] Klimastraße Hagenauer Straße Berlin Prenzlauer Berg siehe:  https://www.berlin.de/ba-pankow/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/planung/artikel.1239475.php (abgerufen am 5.9.2025).
[iii] Infos zur Regenwasseragentur: https://regenwasseragentur.berlin/planen-und-umsetzen/rechtliche-vorgaben/ (abgerufen am 5.9.2025).

Dr. Carlo W. Becker ist Landschaftsarchitekt. Er hat Landschaftsplanung an der TU Berlin studiert und ebendort als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur „Eigenart der Kulturlandschaft“ 1987 promoviert. Gründung Büro bgmr Landschaftsarchitekten Berlin, 2011 – 2017 Vertretungsprofessur an der Brandenburgischen technischen Universität BTU Cottbus Senftenberg, Fachgebiet Landschaftsarchitektur. becker@bgmr.de